Roman

Graue Tage, weiße Tage

Ein Buch über eine tiefe Krise und einen besonderen Heilungsweg

Dieser Roman beschreibt eindringlich, durch welche Faktoren Menschen in einen schweren Burnout geraten können, eine unüberwindlich scheinende Sinnkrise durchleben, aber letztlich einen individuellen Weg finden, die Phase der Stagnation zu überwinden. Und sich letztlich in Krankheit und Krise neu finden, sie sogar als eine Chance zur persönlichen Weiterentwicklung erleben.

 

EIN TEXTAUSZUG:

Etwas wallte plötzlich in ihr hoch, trieb ihr die Tränen in die Augen. Ich fühle zum ersten Mal seit langer Zeit wieder, dass ich gern lebe. Dass es wundervoll ist, leben zu dürfen. Einen Körper zu haben, der zu den verschiedensten Empfindungen in der Lage ist. Nicht alle sind angenehm, einige schwer, manche kaum auszuhalten. Aber... Cordelias Gedankenfluss stoppte kurz. Sie ließ ihre Gedanken fließen. Aber... liegt es nicht vor allem daran, wie ich die Erfahrung bewerte? Wenn ich darin eintauche, mich vereinnahmen, regelrecht fesseln lasse, dann ist das Ereignis furchtbar, dann bin ich wehrlos und ausgeliefert. Ich stecke fest. Beraube mich selbst des Einflusses auf die Situation. Wenn es mir aber gelänge, die Situation einfach als Erfahrung zu betrachten, ohne zu bewerten, dann müsste es sich anders anfühlen. Ihr kamen Momente mit dem schwer kranken Jan Philipp in den Sinn. Wie dicht sie trotz der Sorge am Kern des Lebens gewesen war. Wie sie sich selbst in einer ungekannten Intensität gespürt hatte. Und ihren Sohn auch. Die Gedanken spannen sich wie von selbst weiter.


Wenn jetzt noch eine weitere Komponente dazu käme. Aus einer anderen Perspektive das Ganze zu sehen. Betrachtend. Cordelia musste unfreiwillig grinsen. Sozusagen neutral wie die Schweiz. Als Betrachter, der das Ganze aus einer Distanz sieht. Und nicht ins Leiden, nicht ins Bewerten geht. Gab es noch weitere Möglichkeiten? Ihr kam ein ungeheuerlicher Gedanke. Sie hatte es gespürt an ihren dunkelsten Punkten. Das tief innen verborgene heile Zentrum. Wenn das nun der Weg wäre, immer wieder Kontakt aufzunehmen zu dieser verborgenen Ebene in sich selbst, die jenseits der angstvollen Gedanken lag. Wenn es überhaupt nur der unendliche Gedankenfluss war, der all das Unheil brachte... Was dann? Wenn die Gedankenkaravane einfach betrachtet würde wie eine Herde von Kamelen, die sich durch den dürren Wüstensand bewegten, dann konnte man sie ziehen lassen. Ihnen hinterher sehen, im Stillen verabschieden. Denn es gab etwas unter diesen Gedanken, die der Kopf unermüdlich hervorbrachte. Cordelia hatte es erfahren.


Sie dehnte und streckte sich, sah auf ihre gebräunten Beine in den bunten Sandalen, betrachtete ihr Kleid mit den wilden Blumen. Undenkbar wäre es vor einem Jahr gewesen, so ein Kleid auch nur zur Kenntnis zu nehmen. So wie sie alles Bunte, Wilde, Laute, Ungeplante, Spontane gefürchtet hatte. Immer hatte sie ein Sicherheitsnetz einbauen wollen. Genau genommen hatte sie versucht, ein Sicherheitsnetz zu weben, in dem sie scheinbar gefahrlos leben konnte. Gesichert, festgeschnürt. Eingeengt. Das Leben hatte ihr dann mit einem Ruck ihre fein gewebten Netze zerrissen. Sie hatte an den Fetzen festgehalten, so lange sie konnte. Bis nichts mehr davon übrig war. Bis die Erkenntnis sich langsam durchsetzte. Mein Vertrauen speist sich aus einer anderen Quelle. Nicht ich muss alles bewältigen. Ich bin gar nicht in der Lage, alles in der Hand zu haben, alles zu kontrollieren. Ich darf abgeben. Ich durfte etwas finden auf meinem Weg, das ich nie besaß. Vertrauen. In das Sein. Ins Leben. 


Cordelia dachte an ihre Mal-Experimente. Sie hatte es immer wieder in Varianten gemalt. Schmale Flüsse, schwebende Schalen, die keinen Boden unter sich hatten. Die Flüsse wurden zu Meeren, die Schalen zu Archen. Die auch Unwetter überstanden. Cordelia betrachtete ihr verändertes Lebensgefühl. Wie sehr es sich gewandelt hatte. Sie hegte kurz den Gedanken, dieses neu erworbene Wissen mit anderen zu teilen. Im Grunde, korrigierte sie sich, war es nicht Wissen, sondern es waren tiefgreifende Erfahrungen, die eine andere Substanz besaßen als Wissen, so hilfreich es auch sein mochte. Dieses andere besaß eine andere Qualität. Etwas tief Verinnerlichtes, das nicht dem Kopf und seinen Gedankenkaskaden entsprang, sondern etwas Tieferem. Einer weisen Instanz, die alle Menschen in sich tragen. Cordelia war unschlüssig, wie sie es nennen sollte. Intuition? Höheres Selbst? Sie empfand Dankbarkeit, dass sie diese Instanz oder besser noch Essenz in sich kennen gelernt hatte. Es veränderte alle Bereiche des Lebens. Half Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden. Fegte Belangloses weg. Half, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Es überhaupt als wesentlich zu erkennen. Diese Gedankengänge empfand Cordelia als ungeheuerlich und neu.